Post für Marie Buchinger (Pseudonym)

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Ein Stapel Bücher - dicker Bücher!

Völlig unerwartet, da es bis zur offiziellen Veröffentlichung noch ein paar Tage dauern würde, steht ein großes und schweres Paket für Marie Buchinger vor der Tür: Es ist da, "Ein Tal in Licht und Schatten"paket.jpg

Zwanzig Exemplare sind drin, eine ganze Menge Papier. - So, und warum nun eigentlich Marie Buchinger?

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Über den Sinn und Unsinn von offenen Pseudonymen kann man sicherlich endlos streiten. Ich möchte damit den Leserinnen und Lesern Orientierung geben.

Marie Buchinger steht für junge historische Geschichte in der Habsburger Monarchie (auch deshalb hat der Name auch einen süddeutschen/ österreichischen Klang) - ich kann mir weitere Projekte denken; was davon etwas realisiert wird, wird sich zeigen.

Diana Menschig wird weiterhin für phantastisches stehen.

In beiden ist immer auch etwas von mir.

Unabhängig vom Genre möchte ich immer sagen können, dass das letzte Buch das beste ist, was ich je geschrieben habe. Wenn das nicht mehr der Fall ist, höre ich auf.

(Nachtrag) Druckfahnen

Mit Catcontent

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Der Titel zum ersten Mal auf Papier 

Noch ungefähr zwei Wochen, bis "Ein Tal in Licht und Schatten" erscheint. Und ich stelle fest, dass ich die Druckfahnen unterschlagen habe. Diese habe ich im Ende April bereits bearbeitet - solange, bis meine Katze sich demonstrativ auf den Stapel gesetzt und um Futter gebettelt hat.

Sie sitzt leider im Gegenlicht - Katzen haben einfach keine Ahnung von den Voraussetzungen für ein gutes Foto... 

Wie schießt man mit einem Werndl-Gewehr?

oder: Gibt es etwas, das es auf YouTube nicht gibt?

Oder: Gibt es etwas, dass es nicht auf YouTube gibt?

Nein, ich glaube nicht. Das Videomaterial übersteigt gefühlt inzwischen die Zeit, die die gesamte Menschheit zur Verfügung hätte, um sich alles anzusehen.

Und da ich einen übersteigerten Hang zu Recherche habe (ich habe das gelegentlich erwähnt), schaue ich mir zum Beispiel dieses Video an. Elisa muss genau so eine Waffe im Laufe der Handlung laden und benutzen. Da sie das zum ersten Mal macht und bis dahin mit Waffen nichts am Hut hatte, darf sie sich ungeschickt anstellen. Aber sie bekommt das hin, was auch besser so ist...

Von Schweineblasen und Läusen

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Eine gute Quellenangabe braucht eine Quelle. Hier mit getarntem Hund

Autoren werden häufig gefragt, woher sie ihre Inspiration nehmen. Meine Antwort ist (wie die vieler Kolleginnen) wenig überraschend: Aus der Realität. So spielt in einer Episode (Weihnachten 1915) bei einem Dummjungenstreich eine mit Blut gefüllte Schweinsblase eine tragende Rolle. Diese Anekdote habe ich aus einer Seniorenzeitschrift übernommen, die ich irgendwann mal in einem Wartezimmer gelesen habe. Dort wird sie als wahre Begebenheit in den 60ern hier am Niederrhein erzählt und ich habe wenig Grund, daran zu zweifeln...

Im zweiten Fall hat eine Kollegin beim Autoren-Stammtisch erzählt, sie habe im Tagebuch ihres Vaters gelesen, dass er nach seiner Rückkehr aus dem Zweiten Weltkrieg nachts nicht schlafen konnte, weil ihm das Kribbeln der Läuse fehlte. Allein bei dieser Vorstellung läuft es mir kalt den Rücken runter. Und da Läuse (und jegliches andere Ungeziefer) auch im Ersten Weltkrieg ein beständiges Problem waren, habe ich auch diese wahre Anekdote mit Erlaubnis meiner Kollegin eingebaut. 

Warum sich die Mühe machen und sich solche Dinge ausdenken...? 

Die Kaiserjäger

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Das Kaiserjägermuseum auf dem Berg Isel in Innsbruck - mit freundlicher Genehmigung der Presseabteilung der Tiroler Landesmuseen - Fotograf: Alexander Haiden

Eine spannende aber herausfordernde Recherche ist der Teil zum Militärwesen der Habsburgermonarchie zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Hätte ich geahnt, was da auf mich zukommt, hätte ich mir das Projekt noch einmal gut überlegt!

Auf den ersten Blick scheint es leicht, entsprechende Informationen zu finden, gerade da der „Große Krieg“ 100 Jahre zurückliegt und es massenhaft Veröffentlichungen gibt. Doch nicht nur die Begriffe Landesschützen, Kaiserschützen und Standschützen werden munter durcheinander gewirbelt, nicht einmal das Alter der Wehrpflicht stimmt in den Quellen überein. Und ich mit meinem übersteigerten Hang zur Recherche möchte ja alles richtig machen... 

Echt schwierig wird’s bei den Kaiserjägern: Eins der ältesten Regimenter des Kaiserreichs (von 1816), eine Elite-/ Scharfschützeneinheit, die sich überwiegend aus Tirolern und Vorarlbergern rekrutierte. 

Soweit so gut, aber wie wurde die Einheit damals gesehen? War es eine Ehre, in einem der vier Regimenter zu dienen oder die Wehrpflicht grundsätzlich lästig? Immerhin dauerte sie drei Jahre. 

Es ist schwierig, sachliche und neutrale Informationen über die Kaiserjäger zu erhalten, denn nach dem Verlust des Krieges kommt es zu einer Glorifizierung, die sich im Zweiten Weltkrieg erst recht fortsetzt. Heldenmut, Kameradschaft und Ehrverständnis der Truppe werden unter dem Nazi-Regime propagandistisch ausgeschlachtet und in manch einschlägigen bräunlichen Kreisen ist das bis heute so. Den tatsächlichen Gegebenheiten wird das vermutlich eher nicht gerecht. 

Quelle wird daher ausschließlich Frau Dr. Isabelle Brandauer vom Kaiserjägermuseum in Innsbruck. Dank ihr lese ich ausführlich über das Wehrsystem und die Wehrverfassung Tirols – und weiß hinterher mehr, als ich je wissen wollte. Von den Adjustierungsvorschriften wie die Haupthaarlänge oder über die Größe der monatlichen Tabakration, die keines falls verkauft werden durfte, bis hin zur Wohnungseinrichtung eines Offiziers...

Am Ende landen zwei von Elisas Brüdern bei den Kaiserjägern und einer bei den Tiroler Landesschützen. Und wie im richtigen Leben ist das reine Willkür, in diesem Fall erzählerische.

Was hat das mit diesem Buch zu tun? (Europa 4/4)

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Meine Liebeserklärung an Europa

Soviel. Alles. Ich habe das nicht gewusst, als ich das „Tal“ begonnen habe. Gut, da ist Vitos Konflikt, weil er für das Land, dessen Staatsangehörigkeit er hat (Österreich), gegen das Land, in dem er aufgewachsen ist (Italien), in den Krieg ziehen soll.

Ich habe das zwischendurch einmal weitergedacht und mir vorgestellt, ich müsste von heute auf morgen gegen die Niederlande in den Krieg ziehen. Ganz ehrlich, allein der Gedanke ist für mich vollkommen absurd – und so ging es damals (1915) vermutlich vielen Südtirolern. Vielleicht ging es den Menschen im ehemaligen Jugoslawien auch so? Was würden hier geborene Türken tun, wenn Herr Erdogan sie morgen auffordert, gegen Deutschland in den Krieg zu ziehen? Oh, und mal kein Gedankenexperiment: Wie steht es eigentlichen aktuell um die Krim und den Konflikt der Russen gegen die Ukrainer?

Am Ende des Buches müssen Vito, Elisa und ihre Familien eine Entscheidung treffen. Sie entscheiden sich, ohne weiter zu spoilern, für Europa. Auch wenn sie das selbst noch gar nicht wissen. Sie leben im Kleinen aus, was ich mir im Großen wünsche. Und das ist ein Grund, weshalb dieses Buch zu einer Herzensangelegenheit geworden ist. Eine Liebeserklärung an eine Idee, die im Laufe des 20. Jahrhunderts geboren wurde, geboren werden musste.

Wo gehören wir hin? Wo fühlen wir uns zugehörig? Und wer entscheidet das?

Diese Fragen haben kein bisschen an Aktualität verloren. Und ich sehe in der Europäischen Union unsere große Chance. Indem wir eines Tages die Landesgrenzen überwinden, uns für eine regionale Zugehörigkeit entscheiden und im zweitem Schritt Europäer sind. Ich bin weder Nordrhein-Westfälin noch Deutsche. So fühle ich mich nicht. Ich bin zuerst Niederrheinerin und dann Europäerin. Das dazwischen ist zwangsläufig und mitgegeben.

Ist das ungewöhnlich? Ich glaube nicht. Landesgrenzen sind häufig willkürlich, Zugehörigkeit zu einer Region, sei es nun Südtirol, das Baskenland oder Schottland, sind in den allermeisten Fällen aus der Geschichte heraus begründet und nicht aus dem Willen der Menschen, die dort leben. Die Wiedervereinigung Deutschland war ebenso eine Helmut-Kohl-Entscheidung wie die Trennung der Tschechoslowakei eine von „zwei verbohrten alten Männern“, wobei nach meinem Kenntnisstand erstere Volkes Willen entsprach und zweitere eher nicht.

Die Europäische Union ist die große Chance, diese willkürlichen Grenzen zu überwinden, sie unwichtig und bedeutungslos zu machen. Und wenn nun diese Chance vertan wird, weil der Wille zur Veränderung fehlt, weil der Mut fehlt, die Dinge anzupacken und gemeinsam zu lösen, weil man sich stattdessen auf gestriges Nationaldenken einlässt, weil früher ja alles besser war –

dann,

ja dann muss ich weiter an utopischen europäischen Gedanken leiden.

Vielleicht ist das so. Aber ich gebe die Hoffnung noch nicht ganz auf.

  • Teil 1: Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise
  • Teil 2: Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze
  • Teil 3: Die Südtirolfrage
  • Teil 4: Was hat das mit diesem Buch zu tun?

  • Die Südtirolfrage (Europa 3/4)

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    In der Fanes-Sage wurde der falsche König in Stein gebannt. Diese Möglichkeit fällt für heuchlerische Politiker und rechts-nationale Propheten leider aus. (Bildrechte: Veronica Craffonara)

    Im Nachwort zu „Ein Tal in Licht und Schatten“ behaupte ich, keine Meinung zur „Südtirolfrage“ zu haben. Das ist ein wenig gelogen.

    Wahr ist, dass ich es von meinem geographischen Standpunkt (ca. 700 km nordwestlich) aus gesehen anmaßend finde, ein Urteil darüber abzugeben, ob Südtirol besser zu Österreich gehöre also zu Italien.

    Gelogen ist es aber deshalb, weil ich mich tief im Inneren frage, warum diese Frage heute noch eine Rolle spielt. Ganz ehrlich dachte ich sogar, dass sie niemand mehr stellt. Ganz nach dem zweiten Satz des rheinländischen Fatalismus: „Es ist, wie es ist“ bin ich davon ausgegangen, dass sich von wenigen Unverbesserlichen, die sich vielleicht auch Kaiser und Monarchien, Frondienst und Patriarchat zurückwünschen, also von diesen wenigen Unverbesserlichen abgesehen, niemand mehr ernsthaft wünscht, Südtirol solle zu Österreich gehören.

    Lenz Koppelstätter zum Beispiel spricht in seinem Bozener Krimi von
    „..., einer Provinz, die durch eine Schlamperei der Weltpolitik nach dem großen (sic) Krieg Italien zugesprochen worden war.“ (Der Tote am Gletscher, S. 19)

    Das ist sehr charmant und liebenswürdig ausgedrückt.

    Ich lese dahinter: Ja, das war sicherlich damals für die Menschen extremst übel und schmerzhaft, und ja, die Sache mit der Option – das ist alles maximal schlecht gelaufen, wirklich. Aber die Welt hat sich seit dem ersten Kriegsende 98 Jahre und seit dem zweiten Kriegsende 71 Jahre weitergedreht. Sollten wir die Dinge nicht langsam einfach mal ruhen lassen, da sie nun einmal geschehen und nicht rückgängig zu machen sind?

    Es wird nie wieder so sein, wie es einmal war. Im Guten wie im Schlechten.

    So denke ich, und ich habe gedacht, so denken die meisten.

    Und dann kommt da die Wahl des Bundespräsidenten in Österreich: Da lese ich über den Kandidaten, der allen Ernstes in einer Rede von sich gibt, Südtirol gehöre zu Österreich. Ich reibe mir ungläubig durch die Augen, denn diese Rede hat er 2015 gehalten.

    Dieser Kandidat, der auch noch Hofer heißt und diesen Namen als eine wirre Form von Verpflichtung zu sehen scheint, Süditrol in den Schoß der Habsburgermonarchie (?!?!?) zurückzuführen.

    Und zugleich passiert auch noch etwas höchst merkwürdiges, nämlich das „Gegenteil“: Die Österreicher sprechen laut darüber, den Brenner dicht zu machen. Ausgerechnet.

    Ganz gleich, wie ich nun zur Südtirolfrage stehe – die Südtiroler haben in meinen Augen die Chance in der Idee Europa erkannt und in der Alpeuregio umgesetzt: Welche Grenzen uns die Politiker der Länder auch vorschreiben, sie reißen die Grenzen in unseren Köpfen nieder und schließen sich auf Basis von Regionen und ihrer Gemeinsamkeiten zusammen. Und da ist der Brenner eine der wichtigsten, wenn nicht gar DIE wichtigste NICHT-Grenze, in meinen Augen ein Symbol für die Überwindung der Landesgrenzen und der Südtirol-Frage mit der Antwort:

    Südtirol gehört zu Europa. Punkt.

    Den Brenner schließen, Grenzzäune bauen. Über so etwas möchte ich heulen. Das ist Verrat an Europa. Es ist Mist.

  • Teil 1: Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise
  • Teil 2: Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze
  • Teil 3: Die Südtirolfrage
  • Teil 4: Was hat das mit diesem Buch zu tun?


  • Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze (Europa 2/4)

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    Der Niederrhein. Immer etwas flach. 

    Die Grenze zu den benachbarten Niederlanden, konkreter der Provinz Limburg, ist nur ein paar Kilometer entfernt. Ich fühle mich, ich weiß, das tun nicht alle hier, mit den Limburgern verbunden. Wenn mein möglicher Gesprächspartner und ich in den lokalen Dialekt verfallen, verstehen wir uns gut, ich verstehe es sogar besser als hardcore-schwäbisch oder bayrisch.

    Als ich klein war, hat mein Vater mir davon erzählt, wie er in den 60ern Kaffee aus den Niederlanden geschmuggelt hat. Das hat jeder getan (was es juristisch nicht richtiger macht). Wir haben in einem „Zollgrenzbezirk“ gelebt, was heißt, so hat man mir damals erklärt, dass der Zoll einen jederzeit anhalten und kontrollieren darf. Ich weiß noch sehr genau, dass ich eine Weile immer die aufgeregte Hoffnung gehabt habe, dass das auch mal passiert. Und wenn man mal in eine Polizeikontrolle kam, erinnere ich mich an diese Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung, wenn die nicht das Auto meiner Eltern gefilzt haben (dass die gar nicht zuständig gewesen wären, habe ich natürlich nicht gewusst).

    Und so bin ich, statt mit Kontrolle und Nachstellung, damit aufgewachsen, dass eine Grenze eine Formsache ist. So richtig interessiert hat sie niemanden, die Grenzwärterhäuschen waren teilweise schon vor dem Schengener Abkommen verschwunden.

    So, habe ich gedacht, soll es weitergehen. Bis es eines Tages keine Grenzen mehr gibt.

  • Teil 1: Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise
  • Teil 2: Grenzgängerin. Leben im Zollgrenzbezirk und ohne Grenze
  • Teil 3: Die Südtirolfrage
  • Teil 4: Was hat das mit diesem Buch zu tun?

  • Exkurs: Subtile Fremdenfeindlichkeit

    Ich habe meine Diplomarbeit über „Fremdenfeindlichkeit und Perspektivenübernahme“ geschrieben. Ich wollte wissen, ob sich Jugendliche hier in Viersen, also in unmittelbarer Nähe zur niederländischen Grenze, in ihren Ansichten über die Niederländer von Jugendlichen unterscheiden, die viel weiter weg wohnen (konkret: in Detmold). Ich habe sehr viel gelesen über Sprache und Vorurteile, über subtile und offene Fremdenfeindlichkeit, Wahrnehmungsfehler, Gruppenprozesse und bin seitdem eher pessimistisch, dass das Bedürfnis nach Abgrenzung in uns Menschen zu tief verankert ist, als dass wir auf Dauer dagegen ankommen.

    Ja, Nähe erhöht das Wissen über das Fremde, zugleich wächst (gerade bei wahrgenommener hoher Ähnlichkeit) das Bedürfnis nach Abgrenzung. (Nachzulesen Seite 144ff). Und so blüht hier, bei einem auf den ersten Blick guten Verhältnis mit den limburgischen Nachbarn, die subtile Fremdenfeindlichkeit, die sich in üblen Holländerwitzen (damit, sie als Holländer zu bezeichnen, fängt es eigentlich schon an.) und anderen "dummen" Bemerkungen widerspiegeln.

    Menschen, die von sich behaupten, keine Vorurteile zu haben, machen sich selbst etwas vor. Wir alle haben sie, wir denken in Kategorien. Wir können gar nicht anders und das ist grundsätzlich auch erst einmal okay: damit machen wir uns die Welt und Informationen überschaubar und handhabbar.

    Wir unterscheiden uns eben nur darin, ob wir drei oder dreißig Kategorien für die Einteilung unserer Mitmenschen nutzen und in unserer Bereitschaft, einen Menschen von einer Kategorie in eine andere zu verschieben, sobald sich die Bewertungsgrundlage geändert hat. Manchen fällt das schwerer, anderen leichter.

    Das ist soweit alles in Ordnung.

    Nicht in Ordnung ist dagegen, auf Vorurteilen zu beharren und subtile Fremdenfeindlichkeit zu bagatellisieren. Und es sollte sich wirklich jeder Mensch einmal gründlich überlegen, wie es um die eigenen Denkmuster bestellt ist. Man muss nicht alle und jeden liebhaben. Aber die gegenseitige Achtung und den Respekt voreinander sollten wir bewahren. Und das ist einer der Grundgedanken von Europa. Und dazu gehört nicht viel - eigentlich.

    Die Idee Europa – meine ganz persönliche Betrachtungsweise (Europa 1/4)

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    Ich will Europa!

    Eigentlich wollte ich auf diesen Seiten nur noch über meine Bücher und alles, was damit zusammenhängt, schreiben. Aber seit ein paar Wochen, konkreter seit meinem Urlaub am Comer See, geht mir eine solche Menge durch den Kopf, dass ich nicht weiß, wohin damit. Und deshalb muss das jetzt raus.

    Ich leide. Ich leide an Europa, beziehungsweise an der Tatsache, dass die europäische Idee gerade über den Haufen geworfen wird. Und ich stelle fest, dass dies eine ganz große Menge mit „Ein Tal in Licht und Schatten“ zu tun hat. Dazu später. 

    Ich muss mir das von der Seele schreiben. 

    Als 2013 die ersten neuen Euro-Scheine auf den Markt kommen, sage ich zu meiner jungen Nachbarin: „Die fühlen sich wie früher Guldenscheine an, oder?“
    Sie schweigt mit einem hilflosen Blick. 
    Ich frage etwas ungläubig: „Du weißt doch, was Gulden sind?“ 
    „Ja, doch schon. Wir haben das in der Schule in SoWi gehabt.“ 
    Mir geht auf, dass meine Nachbarin zu jung ist. Vielleicht hat sie als Kind von ihren Eltern eine oder zwei Gulden-Münzen für ein Eis in die Hand gedrückt bekommen, aber Scheine kennt sie nicht. 
    Meine Nachbarin ist erwachsen. Den Euro gibt es seit vierzehn Jahren.

    Ich weiß, dass die EWG ursprünglich eine Wirtschaftsgemeinschaft war. Ich weiß, dass Solidarität teilweise gar nicht im Programm auftaucht.

    Aber ich begreife nicht, dass von den Politikern - deren einzige Motivation heutzutage noch zu sein scheint, wiedergewählt zu werden - dass von diesen Politikern abgesehen so wenige Menschen noch von der Idee überzeugt sind. Die Vorteile nicht sehen. Die Freiheit. Reisefreiheit. Ich merke es sehr deutlich, weil wir es gerade aufgeben. Vor ein paar Jahren habe ich auf dem Weg in den Urlaub meine Handtasche vergessen. Ich bin ohne Personalausweis durch die Schweiz nach Italien gereist. Weil es ging! (Ja, die Schweiz ist im Schengener Abkommen, wenn auch nicht in der EU). Dieses Jahr haben wir bei der Einreise Italien-Schweiz 1,5 Stunden (Rückreise) gewartet. In Mailand vor dem Dom stand das achtfache Aufgebot an Polizisten und Carabinieri im Vergleich zu unserem letzten Besuch. Beim Einlass in den Dom wurden die Taschen kontrolliert. 

    Mir ist klar, dass ein Teil der Maßnahmen sinnvoll ist. Als ich mit Achtzehn nach London gereist bin, war die IRA noch hochaktiv, Sperrungen von U-Bahnstationen an der Tagesordnung, Kontrollen und Wachsamkeit gehörten zum Alltag. 

    Aber trotzdem. Mich macht es traurig, weil wir uns so einschränken. Weil sich die Verantwortlichen der EU nicht einmal soweit vertrauen, dass sie ihre Daten austauschen. Stattdessen ziehen sie die Grenzen hoch, zementieren die Grenzen in unseren Köpfen und leben uns vor, dass wir nicht Europäer sind, sondern Italiener, Franzosen, Deutsche, etc. Das führt soweit, dass die Briten rauswollen aus der EU. Was ich ganz persönlich dumm finde. Es ist rückwärtsgerichtet und egoistisch.

    Und jetzt habe ich nur von der Reisefreiheit gesprochen. Die Freiheit Studien- oder Arbeitsplatz und Wohnort zu wählen, habe ich noch gar nicht berücksichtigt. Und so vieles andere... 

    Ja, natürlich ist die Europäische Union alles andere als perfekt und sie hat noch ganz viel Verbesserungspotenzial nach oben. Aber die Europäische Idee bedeutet Freiheit. Das sich zurückziehen auf die eigene Nation bedeutet Be-Grenzung. Im Denken, im Handeln. 

    So einfach ist das.

    Schlutzkrapfen sind nicht gleich Schlutzkrapfen

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    Das Ergebnis: Mit Spinat gefüllte Cajincí in einer Pfanne mit Butter und Datteltomaten geschwenkt
    Mein Testleser Fabian Dombrowski wirft mir im Manuskript vor, ihm mit meinen Beschreibungen Hunger zu machen. Damit er also nicht nur Apfelstrudel nachbacken kann, recherchiere ich (selbstverständlich ganz gründlich!) zu Cajincí*, der ladinischen Variante der Schlutzkrapfen.
    Mit Entsetzen – nein, mit großem Entsetzen stelle ich fest, dass es nicht so leicht ist, ein Rezept für Cajincí zu finden. Außerdem ist es mit den Schlutzkrapfen wie mit Kartoffelsalat oder Apfelstrudel. Es gibt nicht DIE richtige Variante.
    Und so lande ich am Ende mit einem Rezept in der Küche, das mir per Vermittlung durch @suedtirol_info von @VGardena auf twitter zugespielt wird. Danke dafür!
    Was ich am Ende nun sagen kann: Sie schmecken wirklich verdammt gut. Und wenn man das Ausrollen und füllen ein wenig übt, ist nicht einmal so viel Arbeit wie erwartet.
    ___
    *Cajincí auf gadertalisch-ladinisch = Crafuncins auf grödner-ladinisch

    Fin - fin

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    Rund 15.000 Wörter/ 3 Kapitel sind nach der Überarbeitung auf der Strecke geblieben. 
    Am Donnerstag, den 07. April 2016 um 21.10 Uhr geht die finale Manuskriptfassung raus. Nach Umbau sind übrig:

    47 Kapitel
    + 1 Prolog
    + 1 Epilog
    + 1 Anhang
    + 1 Personenverzeichnis
    + 1 Nachwort und Danksagung
    __________________________
    = ein Roman

    Und in nur vier Monaten müssen sich Elisa und Vito dem kritischen Urteil der Leserinnen und Leser stellen.

    Ich habe gedacht, es würde mit jedem Buch leichter. Im Moment habe ich eher den Eindruck, das Gegenteil ist der Fall. Ich bin nervös.

    Falsch.

    Ich bin WAHNSINNIG NERVÖS!!!

    The River

    Nahe der vila fließt der Gaderbach. Wer bei „Bach“ allerdings an etwas friedlich Daherfließendes denkt, liegt schrecklich falsch – weshalb der ladinische Name „La gran ega“ = „das große Wasser“ viel treffender ist.

    Im Buch werden zwei Hochzeiten gefeiert. Die erste findet 1913 statt, ist eine lustige Sache voller gutem Essen und humorvoller Bräuche. So muss der Bräutigam zusehen, dass er seine richtige Braut zum Altar führt und ihm keiner eine zahnlose Alte unterjubelt. Oder die sarades: Wegsperren aus Menschen, die kleine Aufgabe stellen und die das Paar auf dem Weg zur Kirche überwinden muss. Allenfalls das berechnete Geburtstermin des Kindes (sieben Monate – höchstens!) trübt ein wenig die Stimmung hinter den Kulissen, aber was soll’s?

    Das zweite Paar heiratet im Mai 1917, mitten im Krieg. Es fehlt bereits an allem, Vorräten, Kleidung, guter Stimmung. Irgendwann kommt mir daher beim Schreiben Bruce Springsteens „The River“ in den Sinn. Dort heißt es sinngemäß übersetzt: „Wir gingen zum Standesamt und der Beamte erledigte alles. Kein Lächeln am Hochzeitstag, kein feierlicher Zug durch die Kirche, keine Blumen, Kein Hochzeitskleid.“

    Eine traurige Angelegenheit – habe ich gedacht. Und dann passiert dieses wunderbar Magische, wie es die allermeisten Autoren schon einmal erlebt haben: Meine Hochzeitsgesellschaft denkt nicht daran, Trübsal zu blasen! Eine Hochzeit hat eine fröhliche Angelegenheit zu sein! Und so feiern sie diese Hochzeit ganz, ganz anders, als ich geplant habe.

    Und nach der Feier endet sie am Gaderbach – ganz wie bei „The River“ – nur zum Baden ist es zu kalt.

    Die "Lügenpresse"

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    Ausschnitt aus "Der Tiroler" vom 08.09.1914 - die vollständige Zeitung ist im Digitalarchiv der Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann abrufbar

    Was haben die Menschen im Gadertal über den Krieg gedacht? Es ist nicht so leicht, mit dem Wissen von heute herauszufinden, was die Menschen früher gewusst und geglaubt haben.

    Ein Beispiel: Der obige Ausschnitt aus „Der Tiroler“ zeigt deutlich die Kriegspropaganda des damaligen Kaiserreichs: Die Aufgabe der Stadt Lemberg seitens der Österreicher wird als (freiwillige) strategische Operation dargestellt, weil man die Verluste der Zivilbevölkerung gering halten wollte. Es sei nur eine Frage von Tagen, bis Lemberg zurückerobert wurde. Heutzutage ist bekannt, dass die Österreicher nicht die geringste Chance gegen die anrückende russische Armee hatten. 

    Die Zeitungen vermitteln Ruhm und Glorie. Sogar noch, als die ersten „maroden“ und verwundeten Soldaten von der Ostfront zurückkehren und von Massakern und tausendfachem qualvollen Tod berichten. Die Öffentlichkeit tut diese Augenzeugenberichte ab: Die Männer litten unter der Schande, nicht länger auf dem Schlachtfeld stehen zu dürfen, wären traumatisiert und daher nicht glaubwürdig. Erst als es mehr werden und Intellektuelle sich zu Wort melden, schwenken die Zeitungen allmählich um. 

    Wer weiter lesen möchte: Die Landesbibliothek Dr. Friedrich Teßmann hat ein großartiges Archiv südtiroler Zeitungen aufgebaut. Ich verwende hauptsächlich Informationen aus „Der Tiroler“ und „Pustertaler Bote“, die Zeitungen, die Elisa und Vito vermutlich gelesen hätten.

    Das Archiv vermittelt einen großartigen Eindruck, ist wie ein Fenster in diese Zeit. Manche Tage lese ich mich fest, erfahre von der Hetze gegen Frankreich und Großbritannien, verstehe, welche Rolle der Papst und der italienische König (aus Sicht der Österreicher) spielen und glaube am Ende, die Sichtweise und den Informationsstand, den meine fiktiven Familien damals gehabt haben müsste, verstanden zu haben.

    Kriegsbeginn

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    Gepäck eines Kaiserjägers des 2. Regiments. Exponat im ladinischen Museum "Ciastel de Tor", Sonderausstellung "1914 – 1918 Jenseits aller Grenzen. Die Ladiner erzählen ihre Geschichte"

    Der Erste Weltkrieg wird auch häufig der „Große Krieg“ genannt und als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ bezeichnet. Das Ausmaß dieses ersten „technisierten“ Krieges ist mir persönlich gar nicht so präsent gewesen – nach meiner Recherche erscheint es mir das schwer begreiflich: Erste Giftgaseinsätze, Maschinengewehrabteilungen, von denen eine einzige ganze Kompanien niedermäht – was passiert ist, denn die Taktik, die bis dahin auf dem Schlachtfeld angewendet wird, lautet: Auf breiter Front anstürmen und feuern, sobald man in Schussweite ist.

    Nach der Kriegserklärung Ende Juni beginnt im August 1914 die Russlandoffensive. Elisa ältere Bruder Franz und Anton müssen dem Befehl des Kaisers Folge leisten. Auf Weigerung steht die Todesstrafe. 

    Wir erging es ihnen damit? Gab es Euphorie? Hatten sie Angst? Waren sie schlicht pragmatisch? 

    Anton Kastlunger ist zu dieser Zeit aktiv bei den Kaiserjägern. Welchen Wissenstand hat er? Wie entscheiden sich Mischi und Rudl, die sich beide freiwillig melden können? Tun sie es?

    Und...Vito? Vito, soviel sei verraten, ist zu Beginn der Meinung, dass dieser Krieg ihn so recht nichts angeht. Das ändert sich erst, als Italien 1915 in den Krieg eintritt.

    Wo liegt Galizien?

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    Mit diesen tragbaren Öfen haben die Soldaten in kalten Nächten ihre Lager geheizt. Exponat im ladinischen Museum "Ciastel de Tor", Sonderausstellung "1914 – 1918 Jenseits aller Grenzen. Die Ladiner erzählen ihre Geschichte"

    Das habe ich mich zu Beginn der Recherche gefragt. Dieses Galizien ist vor über einhundert Jahren Teil der Habsburger Monarchie. Und ein Land, mit dem ich mich nie beschäftigt habe und das gefühlt weit, weit weg ist, rückt plötzlich ganz nah: Galizien war einst der Name der Ukraine.

    Während ich über die damaligen Schlachten lese, in denen Armeen „wie Unkraut“ vernichtet werden, herrscht ironischerweise dort, im Osten Europas, wieder Krieg.

    Ich weiß nicht, wie oft ich beim Studium der alten Zeitungen gedacht habe: Mensch, haben die Menschen nichts dazugelernt? Wie habe ich glauben, hoffen können, in diesem Europa des 21. Jahrhunderts, wird es keinen Krieg mehr geben? Es ist ein trauriger Teil meiner Arbeit.

    Freizeitbeschäftigung: Charpie zupfen

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    Aufruf im Pustertaler Boten am 11. September 1914

    Nach Kriegsbeginn im Sommer 1914 gibt es einen steten Bedarf an Verbandmaterial. Die Charpie wird von den Frauen „daheim“ gezupft, gesammelt und dann z.B. vom Roten Kreuz, in Säckchen verpackt.

    Mich wundert es zu Beginn, dass in den Aufrufen explizit darauf hingewiesen wird, „mit reinen Händen zu zupfen“. Wird das Material nicht sterilisiert? Das Wissen und die Möglichkeiten bestehen zu dieser Zeit bereits. Wundbrand und Entzündungen sind dennoch an der Tagesordnung.

    Eine Vermutung ist, dass die Fäden verklumpen/ filzen/ ihre Saugeigenschaften verlieren. 

    Ich probiere das einfach aus: zerzupfe also ein Leinentuch, koche die Garnfäden einige Minuten ab und stelle fest: Sie sind so gut wie vorher. Ich vermute daher, dass man z.B. Bauersfrauen dazu „erziehen“ will, nicht aus dem Hühnerstall direkt zur Charpie überzugehen, sondern generell auf Hygiene zu achten. 

    In den hochalpinen Stellungen, in denen das Verbandmaterial knapp wird, nimmt man übrigens Wollgras.

    Istitut Micurá de Rü: Interview mit Veronica Craffonara Teil 2

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    Veronica an ihrem Arbeitsplatz in der Biblioteca des Kulturinstituts

    Im zweiten Teil unseres Interviews erzählt mir Veronica Craffonara von ihrer Mehrsprachigkeit, was sie gern liest und welche Dolomitensage ihr am besten gefällt

    Hier geht es zum ersten Teil

    Istitut Micurá de Rü: Interview mit Veronica Craffonara Teil 1

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    Das Istitut und die Bibliothek in Sankt Martin in Thurn

    Schon in meinem Debütroman „Hüter der Worte“ habe ich den Dolomiten als „Nordgebirge“ meiner fantastischen Welt ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch ist es ein paar Lesern aus Österreich und der Schweiz nicht entgangen, dass meine Fantasy-Sprache auf dem Ladinischen beruht. Tatsächlich habe ich mich damals hemmungslos im Online-Wörterbuch des Istitut Micurá de Rü bedient und das Gadertalisch meinen Bedürfnissen angepasst.

    So ist der Weg zum Istitut und seiner Biblioteca in San Martin nicht mehr weit, als ich „richtig“ angefangen habe, über die Ladiner und ihre Heimat zu recherchieren. Ein Riesendankeschön gilt daher Veronica Craffonara, die mich vom Beginn meiner Suche an und im Laufe der Monate mit zuverlässiger Begeisterung unterstützt hat.

    Und da wir uns auch ein wenig angefreundet haben, liegt es nahe, Veronica zum Leben in und mit den „bleichen Bergen“ zu interviewen. 

    Hier kommt Teil 1 unseres Interviews von September 2015, in dem es um das Leben oder das Fortkommen in den Bergen geht, und was sich in den letzten 100 Jahren geändert hat.

    Weihnachten 1912

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    Ein kleiner Schneemann, der einst sein kurzes Leben hinter der Seilbahnstation auf dem Pordoi erlebte

    Nachträglich zu Weihnachten gibt es heute einen ersten kleinen Textschnippel, in der Elisa, ihr Vater und Mischi eine kurze Unterhaltung führen: über ein zurückliegendes Ereignis, das Anton betrifft und ein bevorstehendes Ereignis, in dem es um Franz geht. Rudl kommt nicht vor.

    Der Zeitpunkt dieses Gespräches könnte exakt heute vor 103 Jahren stattfinden. Die Kastlungers haben zu Weihnachten keinen Tannenbaum, sondern einen Stubenaltar - was das ist, erfährt man ebenfalls in dem kurzen Ausschnitt.

    Weihnachten 1912

    Allen Leserinnen und Lesern einen guten Start ins neue Jahr!

    Elisas Brüder Teil 2: Mischi und Rudl

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    Eine original-Truhe aus dem Gadertal: Exponat im ladinischen Museum "Ciastel de Tor"; Die Anfertigung solcher Truhen waren ein wichtiger Nebenerwerb im 18. und 19. Jahrhundert; Sie wurden in den Tälern und bis nach Tirol verkauft.

    Elisas dritter Bruder Michael, genannt Mischi ist in jeglicher Hinsicht ein „mittleres Kind“. Ihn trennen sechs Jahre (und damit Welten) von seinen beiden älteren Brüdern, denen er als kleiner Bub natürlich ständig hinterherläuft und drei, bzw. vier Jahre von seinen jüngeren Geschwistern Rudolf, genannt Rudl und Elisa. So fällt ihm die Rolle zu, auf seine jüngeren Geschwister aufzupassen, was er mal mit mehr, mal mit weniger Gleichmut tut.

    Mischis Herz gehört drei Dingen: Den Bergen, dem Holzschnitzen und, als er älter wird, einem bestimmten Mädchen. Sein Vater nimmt ihn von Kindesbeinen an mit in die Werkstatt, wo er das Tischlern erlernt und in jeder freien Minute mit einem Schnitzmesser hantiert. Als er alt genug ist, darf er einen Winter lang zu den Meisterschnitzern ins Nachbartal Gröden in die Lehre. 

    Dass sich mit seiner zweiten Liebe, den Gipfeln der Dolomiten Geld verdienen ließe, darauf bringt ihn Anton, kurz bevor der nach einem endgültigen Zerwürfnis mit dem Vater in die Welt hinauszieht: Anton ist überzeugt, dass im alpinen Tourismus eine wirtschaftliche Zukunft liegen könnte. Mischi findet Kontakt zu solchen Pionieren und lange Zeit ist sein sehnlichster Wunsch, lizensierter Bergführer zu werden. Doch da gibt es ein unüberwindbares Problem. Es ist nicht das einzige Mal, dass Mischi sich selbst im Weg steht. 

    Und Rudl? Ja, Rudl läuft irgendwie so mit. So empfindet das Testleserin Prisca, als sie die ersten hundert Seiten gegenliest. Und das trifft es. Rudl spricht wenig, versucht, allem aus dem Weg zu gehen und nicht aufzufallen. Er hat panische Angst vor seinem Vater, der ihn wegen seiner Trotteligkeiten oft schlägt, bis der Knecht Albert Pacher bemerkt, dem Rudl sei kein Verstand einzuprügeln. (wobei das Schlagen von Kindern früher üblich und Josef Kastlunger nicht zimperlich ist). Einzig sein ältester Bruder Franz kommt mit ihm zurecht. 

    Was genau mit Rudl los ist, weiß niemand. Aber den Müttern unter den LeserInnen fällt vielleicht Elisas extrem schwere Geburt ein. Sehr gut möglich, dass es schon bei Rudl Komplikationen gibt, die das Kind nicht unbeschadet überstanden hat.

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    Elisas Brüder Teil 1: Franz und Anton

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    Für Franz und Anton habe ich kein passendes Bild. Daher zwei Platzhalter-Murmeltiere

    Ihre Brüder spielen in Elisas Leben eine wichtige Rolle. Dabei sind die beiden ältesten schon fast erwachsen, als sie beginnt, ihre Welt zu erkunden.

    Der Erstgeborene und Hoferbe ist Franz Andreas, elf Jahre älter als Elisa und nach dem Kaiser sowie dem berühmten tiroler Volkshelden Andreas Hofer benannt. Franz ist ein in sich ruhender und freundlicher Charakter, der die Dinge nimmt, wie sie sind. Falls er sich über Politik und dergleichen Gedanken macht, spricht er nicht darüber.

    Mit Franz teilt Elisa sich die äußerliche Erscheinung, beide schlagen mit eher schmalem und kleinem Wuchs, hellblondem Haar und grünblauen Augen nach der Mutter (Zum Glück vor allem für das Mädchen, wie ihr Vater häufiger bemerkt).

    Nur elf Monate jünger als Franz ist Anton Josef, der den Namen seines verstorbenen Onkels trägt. Anton ist von kräftiger Statur, mit leicht gelocktem dunklen Haar und dunklen Augen. Er sieht seinem Vater extrem ähnlich, und vielleicht ist das schon ein Grund, warum es zwischen Vater und Sohn von Beginn an nicht funktioniert.

    Anton ist aufsässig und ständig zu Streichen aufgelegt, im Grunde aber ein freundlicher Kerl. Als er älter wird, wird ihm die Heimat zu klein, er sucht Abwechslung und Abenteuer.

    Franz und Anton sind in der Kindheit unzertrennlich, wobei Franz sich häufig schützend vor seinen Bruder stellen muss, wenn der wieder etwas ausgefressen hat. Dabei stellt sich gern heraus, dass die beiden gerade als Team hervorragend aufeinander eingespielt sind, und Franz vielleicht eines dieser berühmten stillen Wasser ist...

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    Apfelstrudel

    Echt lecker!

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    Postkarte, die ich meinen Eltern mit "Nachback-Befehl" aus einem Urlaub geschickt habe.

    Um es kurz zu machen: Das "richtige" Apfelstrudel-Rezept gibt es so sicher wie das "richtige" für Kartoffelsalat, Vanillekipferl, Gulasch, Lebkuchen, oder, oder, oder...

    Gerade bei solchen alten Rezepten gibt es unzählige Varianten, Familien-Überlieferungen und Abwandlungen. Sofern es keinen "Erfinder" gibt, kann es auch kein Original-Rezept geben.

    Bei meiner "Recherche" auf facebook (!) hatte ich aus einer Laune heraus behauptet, das "richtige" Rezept für Südtiroler Apfelstrudel wäre aus Mürbeteig mit Pinienkernen. Die daraus entstandene Diskussion ist hier nachzulesen.

    Viel Spaß!

    Zwischenstand Textarbeit

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    Laut Zollpapieren 4,110 Kilogramm Geschichte - mit Widmung :-)

    Am Wochenende bringt der Paketbote ein weiteres Buch, mit dem ich das ganze Jahr gearbeitet habe. Ich habe es zunächst über die Landesbibliothek Düsseldorf geliehen und Scans gemacht, aber nach der ganzen Zeit will ich es dann doch "in echt" mein Eigen nennen.

    Für das Manuskript bzw. die Authentizität ist es ein wichtiger Baustein - und kommt meinem bereits erwähnten übersteigerten Hang zu Recherche und Realismus entgegen. Aus diesem Buch stammt beispielsweise die bei Elisas Vater erwähnte Landflucht aufgrund mehrerer Viehseuchen in den 1880ern.

    In der Zwischenzeit erfährt der Text eine dramatische Veränderung. Ca. 90 Seiten werden am Anfang weggekürzt. Das fühlt sich an wie eine Amputation, wie mein Kollege Bernhard Hennen einmal treffend bemerkt hat.

    Dieses Mal ist es aber meine freie Entscheidung (anders als bei meinem Debütroman "Hüter der Worte", wo die fehlenden Teile heute noch Phantomschmerz verursachen.) und keine, die aus formalen Zwängen oder verlagsseitigen Vorgaben resultiert.

    Die Seiten sind Ballast, stören, sind - ganz hart gesagt - überflüssig. Drei von fünf Testlesern haben das Gefühl, dass die Geschichte erst auf Seite 90 anfängt.

    Soll sie also. Weg mit dem Rest.

    Elisas Mutter: Anna Pertinger aus Graz

    Anna ist eine virtuose Apfelstrudelbäckerin - Über das "richtige" Rezept wird noch zu reden sein.

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    Apfelstrudel aus einem dunklen Mürbeteig mit Vanillesoße und Pinienkernen auf der Scotoni-Hütte

    Über Elisas Mutter erfahren die Leser im Buch sehr wenig. Das ist kein Zufall, sondern entspricht ihrem Naturell, im Hintergrund zu bleiben.

    Anna Pertinger entstammt als drittes von vier Kindern einer aufstrebenden Arbeiterfamilie. Ihr Vater hat sich um die Jahrhundertwende als einer der ersten in den neu entstehenden Manufakturen beworben und wird schnell Vorarbeiter. Er bringt genug Geld nach Hause, und mit der klugen Wirtschaft der Mutter können beide ihren Kindern eine angemessene Schulbildung und kleine Freiheiten gewähren. Zum Beispiel dürfen die drei Töchter selbst entscheiden, wann und wen sie heiraten. So lässt Anna sich mit der Partnersuche Zeit, bleibt auch als Erwachsene in der großen Wohnung ihrer Eltern und sorgt als Näherin für ihr eigenes Auskommen.

    Anna ist eine stille junge Frau, die lieber liest (und diesen Wissensdurst könnte ihre Tochter Elisa durchaus von ihr geerbt haben) oder handarbeitet (da schlägt Elisa gar nicht nach ihr), statt sich den Vergnügungen der Großstadt hinzugeben. Und so ist es vielleicht kein Wunder, dass sie sich in den zurückhaltenden ladinischen Wanderarbeiter verliebt, der ebenfalls nichts von Trubel wissen will und nicht gern unter fremden Menschen ist, sondern jeden Heller spart, um im fernen Südtirol eines Tages seinen Hof wieder aufzubauen.

    Die beiden kommen sich schnell näher. Ein paar neidische Nachbarn werfen Josef bei seiner Partnerwahl Berechnung vor, weil Anna eine beträchtliche Mitgift mitbringt, mit der er schon ein Jahr später neues Vieh kaufen und sogar seinen Hof ausbauen kann, doch da ist nichts dran. Er liebt und verehrt seine Anna, die einen weit größeren Einfluss auf ihn hat, als beide sich je eingestehen würden. Und niemals hat er mehr Angst um sie als bei Elisas Geburt, die so schlecht verläuft, dass sogar ein Arzt hinzugerufen werden muss.

    Anna bringt acht Kinder zur Welt, von denen drei schon als Kleinkinder sterben. Sie liebt natürlich alle, allerdings hat sie zu ihrer einzigen Tochter ein sehr besonderes Verhältnis. Und ihr heimlicher Liebling bleibt Mischi, ihr drittgeborener. Vielleicht, weil er in manchen Dingen seinem Vater am ähnlichsten ist.

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    Elisas Vater: Josef Kastlunger

    Die Zeit war prüde, aber auf einer Pfeife durfte es frivol zugehen...

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    Zu Beginn des 20. Jahrhunderts ist es unter den Männern (und zum Leidwesen vieler zunehmend auch unter den Frauen) üblich zu rauchen. Eine solche Porzellanpfeife benutzt Josef Kastlunger (Exponat auf einer Ausstellung zum Großen Krieg im Gadertal; La Ila, September 2015)

    Josef Ferdinand kommt 1855 als zweiter Sohn und sechstes von neun Kindern in Val Badia auf die Welt. Seine Eltern, Magdalena und Ojöp, stehen mit einem großen Hof wirtschaftlich gut da, so dass kein Kind, wie zu der Zeit üblich, als Knecht oder Magd in andere Täler geschickt wird. Das liegt unter anderem daran, dass Josefs Vater zu der Zeit beginnt, den Bauernhof stärker auf Milchwirtschaft umzustellen und den unergiebigen Ackerbau zunehmend vernachlässigt.

    Als Josef ungefähr zehn Jahre alt ist, ereilt die Familie der erste Schicksalsschlag. In einem Winter sterben gleich drei Geschwister und seine Mutter an einer Masernepidemie. Die älteste Schwester übernimmt mit nur zwölf Jahren die Aufgaben der Mutter im Haus. Im folgenden Frühjahr brennt die halbe vila ab, der älteste Sohn und Hoferbe Anton kommt bei dem Versuch, das Vieh zu retten, ums Leben. 

    Ojöp Kastlunger wagt einen ungewöhnlichen Schritt: Er verkauft einen Teil des Hofes an seinen Freund Rudolf Costa (= Vitos Großvater väterlicherseits), um Geld für eine größere majun und Vieh zu haben.

    Lange Jahre geht es den Familien der vila gut. Rudolf Costa baut eine neue ciasa und hat für seine Familie ein bescheidenes aber ausreichendes Auskommen. 

    Kaum hat Josef mit 26 Jahren als nun einziger Sohn den Hof übernommen, wird ihm die einst so fortschrittliche Entscheidung seines Vaters zum Verhängnis: Mehrere Viehseuchen vernichten die Lebensgrundlage der Familie. Als sein Vater 1885 stirbt, droht der Familie sogar Hungersnot.

    Josef Kastlunger gibt, wie viele andere zu der Zeit, den Hof auf und zieht auf der Suche nach Arbeit in den Norden der Habsburgermonarchie bis nach Graz.
    Von seinem Vater hat er das Schreinern und Tischlern gelernt. Viele Gebäudeteile in der vila sind aus Holz, es ist notwendig, sie instand zu halten und reparieren zu können. Die Anfertigung von Möbeln bringt im Winter zusätzliches Einkommen. Doch Josef hat auch eine Vorliebe für solche Arbeiten. Mit Fleiß und Geschick macht er sich einen Namen und verdient gutes Geld.
    Und als er eines Sommertages auf dem Vordach eines Anwesens hockt und die Holzkonstruktion ausbessert, schaut er zufällig auf die Straße und erblickt das schönste Mädchen, das er jemals gesehen hat... 

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    Eine Woche vor Ort

    Das Manuskript ist fertig, aber für das Finetuning verbringe ich im September 2015 eine Woche vor Ort. Bevor ich mit dem Inhaltlichen fortfahre, hier sechs Fotos - täglich eins. So oder ähnlich könnte der Anblick der Fanes sein, der sich Elisa und Vito jeden Morgen bietet (da die beiden Familien Viehwirtschaft betreiben, würden sie vermutlich etwas früher aufstehen...).

    Vito Roberto Costa, * 17. März 1896

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    Statue von Vittorio Emanuele II. im Torre della Battaglia San Martin, einem Museum nahe Desenzano del Garda, das sich den Einigungskriegen Italiens widmet. 

    Wenn ein Roman eine Liebesgeschichte sein soll, dann braucht es für Elisa natürlich einen „Love Interest“. Das ist Vito, der eines Tages mit seiner Familie in Elisas Dorf zieht.

    Zunächst wächst Vito auf dem Weingut seines Großvaters (Nonno) Roberto Cancelletti in der Toskana auf, der Familie seiner Mutter. Sein Vater Jakob Costa hat in den 1880er Jahren das Heimatdorf in den Dolomiten verlassen, um im Süden sein Glück zu finden.

    Schon bei Vitos Geburt wird ein Kompromiss geschlossen, der bezeichnend für das schwierige Verhältnis zwischen dem Patriarchen Cancelletti und seiner Tochter, beziehungsweise seinem Schwiegersohn ist: Vito soll nach Vittorio Emanuele II. benannt werden, dem ersten Regenten des jungen Königreichs Italien. Nun ist aber Vitos Vater Österreicher und eben diesen hat der italienische König bei seinem Einigungsbestreben Gebiete abgenommen.

    Vitos Mutter Lucia vermittelt und aus Vittorio wird Vito. Lucia steht ihr gesamtes Leben zwischen ihrem Vater und ihrem Mann, den sie aus Liebe und unter Stand geheiratet hat. Sie opfert sich auf, doch am Ende wird ihr das nicht vergolten.

    Zurück zu Vito. Er geht in Lucca zur Schule und will später in Pisa studieren. Man kann durchaus sagen, er ist mit den „goldenen Löffeln im Mund“ geboren. Er ist neugierig und interessiert sich für die Welt. Wenn er mit seinem Nonno den Hafen von Livorno besucht, kann er sich nie zwischen dem Anblick des Meeres und dem der großen modernen Dampfschiffe entscheiden.

    Vitos Nachname Costa ist ebenfalls sehr typisch für das Gadertal (die eingedeutschte Variante ist Kostner) – und hier ergibt sich einer der frühesten Rechercheepisoden, die plötzlich Eigenleben entwickeln: Als ich meine liebe Freundin und Kollegin Prisca Lo Cascio nach ein paar typischen italienischen Nachnamen samt regionaler Zuordnung frage, stolpert sie über Costa und erklärt mir, dass dieser Name auch in Kampanien (Süditalien, Neapel) häufig vertreten ist.

    Vito begegnet also einem Namensvetter aus dem tiefsten Süden. Und das gibt seiner Geschichte eine entscheidende Wendung.

    Fin

    Wörter zählen - ich liebe es :-)

    Ziemlich genau am Sonntag, den 30. August 2015 um 23.32 Uhr ist die erste Rohfassung des Manuskriptes fertig.

     50 Kapitel
    + 1 Prolog 
    + 1 Epilog 
    + 1 Anhang
    + 1 Personenverzeichnis 
    + 1 Nachwort und Danksagung 
    __________________________

    = ein Roman

    Jetzt fehlt nur noch die erste Überarbeitung, das Testlesen, das Lektorat und die finale Überarbeitung.

    Nur noch.

    *argh*

    Der Handlungsort - Der Ort

    ort

    vila.jpg
    Vila Brach, Enneberg Pfarre - Bildrechte: Veronica Craffonara

    Wie beim letzten Projekt „So finster, so kalt“ verlasse ich an dieser Stelle die Realität und kreiere einen fiktiven Ort ungefähr dort, wo das reale Dörfchen Stern* liegt. In der Nähe dieses Ortes liegt die ebenfalls fiktive Vila Kastlunger.

    Eine vila ist eine kompakte Siedlungsform bestehend aus Wohnhäusern (den ciases) und Wirtschaftsgebäuden (den majuns) von 3-12 Familienverbänden; also ein Gehöft oder Weiler. Die vila des Romans besteht aus drei bzw. vier Familien. Der Name Kastlunger, ein eingedeutschter ursprünglich ladinischer Familienname (Costa Lunga), ist sehr typisch für das Gadertal – und wie bereits erwähnt der Familienname meiner Protagonistin.

    In der vila leben und arbeiten die Menschen auf engstem Raum, teilen sich Arbeitsgerät und versorgen gemeinsam das Vieh. Wie wichtig diese Gemeinschaft ist, zeigt ein altes Sprichwort: „Ohne Verwandte kann man leben, aber nicht ohne Nachbarn.“.**

    Die Versorgung ist weitgehend autark. In Elisas moderner ciasa gibt fließendes Wasser, jedoch keinen Strom. Und was sogar bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts archaisch anmutet, wird im Großen Krieg wortwörtlich überlebenswichtig, da die Bewohner sich mit ihren Gemüsegärten und Nutzvieh selbst versorgen können, wo andere hungern.

    Elisa nutzt diese enge Gemeinschaftsstruktur gründlich aus, um ihre Familie und die Menschen, die ihr teuer sind, durch den Krieg zu bringen. Das wird ihr eines Tages allerdings zum Verhängnis...

    Bis es jedoch dazu kommt, lernt sie erst einmal neue Nachbarn kennen: Jakob Costa, der nach Italien ausgewandert ist, um sein Glück zu finden, und seine Familie. 

    ___
    *für die sprachlich ganz Interessierten: Ich habe bisher nicht herausgefunden, warum der deutsche Name des Ortes Stern lautet. Vielleicht, weil er an einer Kreuzung liegt (wobei es nur drei Richtungen gibt, keine sternförmige Anordnung der Straßen)? Auch der ladinische Name La Ila hat keine weitere Bedeutung, die italienische Bezeichnung La Villa könnte man mit etwas gutem Willen noch als Gehöft/ Ortschaft/ Siedlung oder ähnlich übersetzen (entsprechend der Bedeutung, die eine Villa im antiken römischen Sprachgebrauch hatte – womit wir wieder bei der Vila wären, zumal das ladinische keine Konsonanten-Dopplung kennt). Wer sich das wann und warum ausgedacht hat, bleibt im Dunkeln der sprachlichen Geschichte. 

    ** aus: Marco Forni, „Ladinische Einblicke“

    Elisabetha Teresia Katarina Kastlunger, *29. November 1899

    kaiserin_elisabeth_-_franz_xaver_winterhalter,_1865.jpg

    Elisabeth Amalie Eugenie, Herzogin in Bayern (1837-1898), Kaiserin von Österreich und Apostolische Königin von Ungarn
    – Portrait von Franz Xaver Winterhalter (gemeinfrei via wikimedia commons)

    Zum ersten Mal beginne ich den Roman mit der Geburt der Protagonistin. Sie ist die jüngste von insgesamt fünf Geschwistern und das einzige langersehnte Mädchen, womit ein Sonderstatus in der Familie bereits vorprogrammiert ist.

    Elisa ist nach den habsburger Kaiserinnen Elisabeth (Sisi) und Maria-Theresia benannt, was zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts in kaisertreuen Familien durchaus üblich war (im Grunde ist es auch heute noch so, nur dass Kaiser und Könige von Schauspielern oder Fußballstars abgelöst wurden...).

    Sie selbst trägt diese Namen mit der entsprechenden Würde. So stellt sie sich auf den ersten Buchseiten einem Gast der Familie und damit auch den Lesern vor:

    „Mein Name ist Elisabetha. Die Kaiserin hieß genau wie ich.
    Aber du darfst Elisa sagen.“

    Recherchematerial I

    Das Buch ist, was der Titel sagt: Ladinische Einblicke von Marco Forni - meine "Bibel" zu Alltag und Bauernleben im Gadertal

    Schon beim letzten Projekt "So finster, so kalt" bin ich, obwohl es sich um eine fantastischen Roman handelt, durch exzessive Recherche aufgefallen. Meine Lektorin nennt es ganz zu Recht übersteigerten Hang zum Realismus. Ich lege großen Wert auf Genauigkeit, jede Abweichung von den tatsächlichen Gegebenheiten fällt mir schwer.

    Und während ich es für legitim halte, wahre Vorkommnisse zugunsten der Spannung aufzupeppen, fällt es Lesern andererseits sofort auf, wenn "wirklich" etwas nicht stimmt. So beginne ich zu recherchieren: Über das Bauernleben im Gadertal, über den Ersten Weltkrieg (was ziemlich einfach ist, denn Zeitungen und Internet sind gerade jetzt voll davon), über die politischen Zusammenhänge (die werde ich nicht groß ansprechen, keine Sorge!).

    Es ist eine merkwürdige Sache: Zum Beispiel gibt es über das Mittelalter Berichte, Analysen, Ideen, letzten Endes bleibt diese Epoche jedoch fremd und man behält Abstand (Mal ehrlich: heutige Mittelaltermärkte sind eine ganz schön verklärte Idee dieser Zeit.).

    Vom Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es dagegen Zeitungen, Bilder, zum Teil sogar noch mündliche Überlieferung (mit einer vermittelnden Generation, zum Beispiel, wenn meine Oma von ihren Eltern erzählt).

    Eine Quelle, in der ich mich seit Beginn manchmal stundenlang festlese, die Landesbibliothek Dr. Friedrich Tessmann. Dort sind u.a. alle für mich relevanten Zeitungen digitalisiert. Hier zum Beispiel die Ausgabe der Zeitung der Tiroler mit dem berühmten Kaisermanifest, mit dem sich der Habsburger Kaiser Franz Joseph I. (ja, der mit der Sisi, die ist zu der Zeit aber schon verstorben) zu Kriegsbeginn an seine Völker wendet: Der Tiroler vom 30.07.1914

    Mit andern Worten: Ich kann wortwörtlich lesen, was meine Protagonisten gelesen hätten, wenn sie wirklich gelebt hätte. Für mich als Autorin ist das eine ungewohnte Vorstellung.

    Der Handlungsort – Die Region

    ort

    Regenbogen über den Wiesen bei La Ila (La Villa/ Stern)

    Der Haupthandlungsort ist das Gadertal in Südtirol, auf Italienisch und Ladinisch Val Badia genannt. Die deutsche Übersetzung ist damit schon falsch, denn der namensgebende Fluss Gader heißt auf Ladinisch La Gran Ega, was mit Das Große Wasser zu übersetzen wäre. Badia bedeutet im Italienischen/ Ladinischen dagegen Abtei, womit die seltener verwendete Bezeichnung Abteital eigentlich die richtigere ist.

    Verwirrend? Ja. Das hat mit der Geschichte dieser Region zu tun. Die Menschen im Gadertal sprechen bis heute Ladinisch, das im antiken Lateinisch wurzelt und (vielleicht - da scheiden sich schon die sprachwissenschaftlichen Geister) mit dem Räto-Romanischen verwandt ist.

    Obwohl sowohl Deutsch (u. a. unter der österreichischen Kaiserin Maria Theresia) als auch Italienisch (u.a. durch den italienischen Faschismus zwischen den Weltkriegen) seine Spuren hinterlassen hat, haben sich die ladinischen Sprachinseln bis heute gehalten.

    Heute ist das Gadertal Teil der Europaregion Tirol-Südtirol-Trentino und Ladinisch als ethnische Minderheitensprache anerkannt. Ortsnamen sind in allen drei Sprachen angegeben und auf Wanderkarten findet sich ein wildes sprachliches Gemisch für die Namen der Berge, Täler und Seen.

    Ich habe mich noch nicht entschieden, ob ich im Roman die ladinischen oder die damals offiziellen deutschen Ortsnamen verwende. Meine Protagonisten sprechen Ladinisch (hauptsächlich - dazu später) und ich streue einzelne ladinische Begriffe ein. Für die Ortsnamen wirkt es jedoch merkwürdig und stört teilweise sogar den Lesefluss.

    Was Google denkt?

    valparolasee2010.jpg

    Erfrischend kalt: der Valparola-See

    Aktuell schreibe ich einige Kapitel, die sich im Winter 1915/16 zutragen. Dazu suche ich Informationen über Erfrierungen beziehungsweise darüber, was genau körperlich vor sich geht, wenn ein Mensch erfriert, wie schnell das geht, welche Gegenmaßnahmen möglich sind usw.

    Das wäre alles nicht erwähnenswert, wenn im Reallife am Niederrhein nicht gerade (Juli 2015) eine Hitzewelle herrschen würde.

    In solchen Moment stelle ich mir gerne vor, wie irgendwo ein „Alarm für seltsame Suchanfragen“ läutet und jemand verdutzt auf meinen Verlauf schaut...

    Neubeginn

    ErsterBlick.jpg
    Ein erster Blick...

    Noch ungefähr ein Jahr wird es dauern, bis mein nächster großer Roman bei Droemer Knaur erscheint – Zeit, einen neuen Werkstattbericht zu beginnen.

    Worum geht es?
    Es ist eine Liebesgeschichte vor der Kulisse des Ersten Weltkrieges in den Dolomiten.
    Also ein Frauenstoff :-) 

    • Geplante Erscheinung ist Ende des Frühjahrsprogramms 2016 
    • Der Umfang wird zwischen 600-700 Seiten liegen
    • Der Titel steht bereits fest, das Cover wird noch entworfen 
    • Das Buch erscheint unter dem Pseudonym Marie Buchinger 

    Wie beim ersten Projekt-Blog werde ich in den nächsten Wochen über die Irrungen und Wirrungen bei der Recherche schreiben.

    Viel Spaß!